Was sind die großen Fünf?

Die fünf wichtigsten Tipps beim Schreiben von Romanen habe ich auf meiner Seite an verschiedenen Stellen aufgeführt. Für diejenigen, die es übersichtlich und auf einen Griff haben wollen, stehen hier diese fünf Beiträge noch einmal zusammengefasst und am 31. Mai 2020 leicht überarbeitet. 

Kleiner Hinweis für Sie, um Ihnen die Angst vor Fehlern zu nehmen. Dieser Text ist rund vier Jahre alt, von mir mehrfach gelesen und bearbeitet. Dann kam ein Hinweis auf ein falsches „zu“, am 26. Juni 2020. Zwei Tage später nahm sich eine Leserin die Zeit, diesen Text mal sehr, sehr intensiv zu lesen. Sie sehen es an den durchgestrichenen Wörtern, die standen da falsch seit Jahren. Danke dafür. Und Sie lernen: Lassen Sie nie einen Text aus dem Haus, den nicht ein paar anderen gegengelesen haben. Und für mich gilt das Sprichwort mit dem Balken vor dem Auge und dem Splitter …  29. Juni 2020. Nochmals Danke-Sagung!

Erstens. Die Ordnung im Manuskript

Sie, Autor, Sie! Halten Sie Ihr Ding sauber … Ihr Manuskript. Jeder professionelle Erstleser, sei es ein Verlagsmensch oder ein von Ihnen bezahlter Lektor, möchte Ahhhhhhh! sagen können, wenn er Ihr Werk zum ersten Mal öffnet. Denkt er Oh, mein Gott! … haben Sie zumindest den Verlagsmenschen schon verloren. Er denkt Oh, mein Gott! und dann Wird nichts … Papierkorb! Und da können Sie noch so gut sein.

Er denkt Oh, mein Gott!, wenn Sie es nicht schaffen, auf den ersten Blick zu signalisieren, dass Sie sauber gearbeitet haben. Und sauber heißt …

  • Die Abstände von Kapitelüberschrift zum Text sind immer gleich
  • Kapitel haben Namen oder auch nicht. Einerlei, Hauptsache stringent
  • Kapitel beginnen auf einer neuen Seite oder auch nicht. Einerlei, Hauptsache stringent
  • Es sind auf den ersten Blick Absätze erkennbar
  • Es ist auf den ersten Blick erkennbar, dass immer dieselbe Anführungszeichen-Art eingesetzt wurde
  • Es ist erkennbar, dass der Autor sich Gedanken gemacht hat über die Verwendung von Restaurantnamen, Gedanken, Rückblenden (Anführungszeichen, kursiv, fett oder Ähnliches)

Sie halten das für arg technokratisch, Sie denken sofort: Was will der? Es kommt doch auf den Text an, auf die Fantasie, auf meine kreative Leistung, auf mein Werk.

Natürlich, das ist Ihnen unbenommen. Die Gegenthese indes lautet: Wer sein Manuskript nicht im Griff hat, wer einfach so drauflos schreibt, hat sich über die Struktur seines Werks oder die Technik einer Ordnung im Werk keinen Gedanken gemacht. Wer ein Manuskript abschickt, das text.docx heißt, kann sich keinen Gedanken gemacht haben über eine Ordnung seiner Arbeit. Und ohne diese Ordnung – steile These!, ich weiß – ist das Ganze nichts.

Noch deutlicher und sehr verallgemeinernd: Je sauberer der erste Eindruck von einem Manuskript, desto besser das ganze Werk. Stimmt nicht, sagen Sie? Ich behaupte das aus der Besichtigung von rund … na, sagen wir mal, Stand: Mai 2020 … dreihundert Manuskripten.

Und Sie sehen schon: Rechtschreibfehler sind mir wuppe. Tauchen auffällig viele auf, muss ich als Lektor mehr Tastengriffe machen als bei anderen, spürt der Autor das am Preis pro Seite. Aber ein Werk mit auffällig vielen Kommafehlern muss kein schlechtes sein. Die sind bügelbar. Eine miese Struktur kriegen Sie nie wieder raus.

Zweitens. Die wörtliche Rede

(Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Ein Eine ausführlichere Fassung finden Sie unter den W-Fragen bei ω Wie ist das mit den Inquits?)

Sie lassen Ihren Helden etwas sagen. Sagen wir mal, er sagt zu Eleonore: Ich liebe dich. Also schreiben Sie: »Ich liebe dich«, sagte Hans. Das ist vollkommen in Ordnung. Sie können dieses … sagte Hans … auch weglassen, wenn Eleonore und ihr Anbeter in einem herzergreifenden Dialog sind und offensichtlich ist, wer etwas sagt, etwa so …
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»Du hast mich jahrelang betrogen mit Tussi »Tusnelda« Tuschewski«, brüllte Eleonore.

»Glatte Lüge, das war nicht ich,  das war mein Zwillingsbruder«, sagte Hans.

»Du lügst!«

»Nein, du siehst das falsch, du hast es immer falsch gesehen.«

»Ach, hör doch auf!«

»Ich liebe dich.«
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Sie sehen, hier ist vollkommen klar, wer was sagt. Diese Sätzlein nach oder vor einem Wörtliche-Rede-Fetzen sind völlig überflüssig. Ja, sie hemmen den Lesefluss. Abgesehen davon werden sie Inquits genannt. Es gibt kein gutes Argument gegen diese Inquits …

… solange sie nicht mehr tun, als mit den Verben das des Sagen Sagens und Meinens und Antworten Antwortens (brüllen, schreien, wiederholen, erwidern, ausstoßen, antworten, flüstern, meinen und andere) den Menschen zu markieren, der etwas sagt.

Wenn Sie aber in diesen Nachgang zur wörtlichen Rede noch eine weitere Information einbauen, schreiben Sie – ich übertreibe, um es deutlich zu sagen – verhaltensauffällig. Ich beispiele mal …
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»Du bist die doofste Kuh auf der ganzen Weide«, machte er seinen Unwillen über ihr Muh-Verhalten, das ihm schon seit Jahren gewaltig auf die Hörner ging und zu mannigfachen Zerwürfnissen geführt hatte, klar.

»Ich will heute Abend nicht wieder diesen Dschungelcamp-Quatsch sehen«, stieß sie seine Planung für die Nach-Essens-Zeit um.

»Bring noch Butter aus dem Kühlschrank«, rieb sie ihn ihm seine mangelhafte Abendtischdeckung vor dem Dschungelcamp unter die Nase.
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In allen drei – frisch erfundenen – Beispielen zeigt der Autor, dass er der Wörtlichkeit, die er ja selbst kreiert hat, nicht vertraut. Er sagt dem Lektor, dem Verlag und dem Leser: So ganz knackig war der Satz ja nicht, und weil ich mir als Autorin misstraue, mache ich noch mal deutlich, was genau die wörtliche Rede beinhaltet. Sie als Schreiber sagen damit, dass Sie über die Bedeutung von wörtlicher Rede nicht genug nachgedacht haben.

Mehr noch: Weil Sie die Information in einen angehängten Satz verstecken, zeigen Sie Ihre eigene Unsicherheit. Und Ihre Faulheit, Sie! Sie sagen auch: Ich hänge ich das mal eben so an und meine damit, meine Geschichte voranzutreiben.

Einer der übelsten Inquits folgt diesen diesem Schema: »Ich bin dann mal weg«, hastete er aus der Tür. In diesem Beispiel erklären Sie nicht – Sie sind schon im nächsten Handlungsstrang. Diesen mangelnden Respekt hat eine wörtliche Rede nicht verdient.

Und noch mehr: Anstatt Ihre Figuren reden und aus sich heraus zu leuchten zu lassen, behaupten Sie etwas. Und das, was Sie behaupten, kennt der Leser schon – oder Sie überraschen ihn im Nebensatz.

Haupt- und Nebensatz? »Mit diesem Phänomen befasse ich mich im nächsten Abschnitt, mit Haupt- und Nebensatz«, kündigte der Schreiber dieser Zeilen an, was er weiter unten in diesem Fünfteiler als Drittes zu mahnen gedenke, hoffend, mit dieser Aussicht, die Erwartung und die Spannung zu halten.

Und nun sehen Sie live und in Farbe zu, wie sich des Lektors Fußnägel gen Knie zu biegen beginnen!

Auf das Beispiel im Bildchen bezogen bedeutet das: Jemand findet den Namen hübsch. Punkt. Dass er damit auch Vertrauen gewinnen will, ist eine andere Sache. Wenn sie wichtig ist, diese andere Sache, gehört sie in einen neuen Satz, etwa so: »…eigentlich recht hübsch.« Ihm lag viel daran, ihr Vertrauen zu gewinnen.

 

Drittens. Haupt Haupt- und Nebensatz

Natürlich können Sie das, klar! Logo. Natürlich können Sie Sätze bauen wie Göte oder dieser Thomas Mann. Lang, über fünfzig Wörter, was heißt da fünfzig? Einhundert. Darf’s a bisserl mehr sein?

Was der Leser dazu meint? Ach, der muss halt lesen, dafür ist er ja da. Sie, nur Sie sind … der Kreativling, die Fürstin im Feld. Sie bestimmen. Sie haben was zu sagen. Sie … ja, nur Sie!

Wissen Sie, wer Ihnen mit dieser Haltung die Suppe so versalzt, dass nicht mal mehr Ilsebill sich an die Suppe traut? Die Forschung. Die sagt nämlich – und diese Ergebnisse sind unwidersprochen –, dass des gemeinen Lesers Aufmerksamkeit nach rund fünfundzwanzig, achtundzwanzig Wörtern nachlässt. Schlimmer noch: Der Leser steigt aus. Aus dem Satz, aus dem Absatz. Der Leser, dieser unerzogene Mensch in seiner Gesamtheit, will einfach nicht. Dieser Schwachmat sucht sich den Beginn des nächsten Absatzes. So einfach macht es sich der Leser. Und wenn dem Leser so etwas mit Ihrem Oeuvre öfter passiert, legt er es weg und schimpft. Auch öffentlich.

Und bitte, was tun Sie dagegen? Es ist Ihre verdammte Pflicht, jeden Satz zu kneten, bis er stimmt. Bauen Sie sich Warnsignale ein, ja, zählen Sie Wörter. Achtundzwanzig – Schluss. Punkt! Schlusspunkt! Achtundzwanzig, nicht fünfunddreißig, nein, es darf nicht ein wenig mehr sein.

Ein Satz bestehe bitte in der Regel aus Haupt- und maximal zwei Nebensätzen (oder zwei Hauptsätzen). Er ging in die Schule, um Blödsinn zu machen. Klarer Satz, oder? Hauptsatz, Nebensatz, acht Wörter. Er ging in die Schule, um Blödsinn zu machen, was seine schulischen Leistung überhaupt nicht beförderte. Geht noch. Verständlich. Er ging in die Schule, um Blödsinn zu machen, was seine schulischen Leistung, die er seinen Eltern und Geschwistern beim Leben der Großmutter, die unter Qualen vor zwei Jahren, am Weihnachtstag 2014 verstorben war, versprochen hatte, überhaupt nicht beförderte. Achtunddreißig Wörter. Bei welcher Lese-Verständnis-Wiederholung sind Sie ausgestiegen?

Natürlich, einen solchen Satz würden Sie nie schreiben. Aber Sie schreiben Sätze mit mehr als acht-und-zwanzig Wörtern. So einen zum Beispiel …

Der ist ja noch irgendwie … na ja, nachvollziehbar, wenn sich der Leser bemüht. Aber beim zweiten Satz dieser Gewichtsklasse murrt der Leser, garantiert. Und wissen Sie, wie man einen solchen Satz am besten knetet? Machen Sie zwei Sätze draus – oder drei. Machen Sie es dem Leser verdammt noch mal leicht! Der nämlich schenkt Ihnen das Wertvollste, das er hat: seine Zeit, seine Aufmerksamkeit – und 10,95 Euro oder 2,99 Euro aus der Portokasse.

Eine meiner steilen Thesen: Wer auf dreihundert Normseiten mehr als dreißig Sätze mit mehr als 28! Wörtern listet, hat vor dem Leser keinen Respekt. Er geht mit seiner einzigen Ressource Leser schlampig um.

Schauen Sie sich doch mal den Satz im Bildchen an. Dort, in dieser einfachen Konstruktion aus Wörtlicher Rede – Inquit – Nebensatz, schludert der Autor ebenfalls.

Er packt eine Hauptsache – ein Mensch kippt vom Stuhl – in einen Nebensatz. Er missachtet die Grundregel, die da lautet: Hauptsachen in Hauptsätzen! Sie sagen, das Seitlich-vom-Stuhl-Kippen kann auch eine Nebensache sein? Na, hören Sie mal! Wann ist in Ihrer Gegenwart zuletzt jemand seitlich vom Stuhl gekippt? Gut, Sie sind Kneipenwirtin, das zählt nicht. Aber so im Alltag? Diese Beobachtung, diese Tatsache, dieses Kippen, dieses Ereignis gehört in einen neuen Hauptsatz.

Nur so schaffen Sie Aufmerksamkeit. So halten Sie den Leser. Und wer jetzt einwendet, ich plädierte für ein Werk aus Sätzen mit maximal zehn Wörtern … Pustekuchen! Wechseln Sie die Länge der Sätze ab. Aber kneten Sie die Sätze oft! Sonst knetet Sie der Leser.

Und nein, Sie! Ich habe nicht gesagt, dass lange Sätze verboten, politisch inkorrekt, rassistisch oder kreativtätsabschneidend sind. Ich sage nur: Hüten Sie sich davor, gehen Sie die Ungetüme vorsichtig an. Über allem steht mein Motto, das leider nicht von mir ist, aber der Leitgedanke für jeden sein sollte, der sich mit seinem Geschriebenen an die Öffentlichkeit wendet – und das Motto geht so: (längster Satz dieses Beitrags, 32!)

Viertens. Übersteigerter Ausdruck

Sie neigen als Autor dazu, dem Leser etwas mehrfach sagen zu müssen – und das sehr deutlich. Der Leser ist ja … na ja, nicht immer aufmerksam. Er schweift ab. Und deshalb müssen Sie als treusorgende Autorin vieles noch mal sagen, es betonen mit allen Mitteln, ihn auf das stoßen, was Sie sagen wollen.

Dazu fallen Ihnen einige Mittel ein. Das Ausrufezeichen zum Beispiel. Es steht gern hinter einem einfach einfachen Satz wie ebendiesem!: Er wollte es ihr in diesem Moment wirklich sagen! Er wollte zum ersten Mal seit zehn Monaten ehrlich sein!! Begreift es der Leser jetzt? Neee, noch eines dran!!! Er wollte zum ersten Mal seit zehn Monaten ehrlich sein!!!

Oder so etwas: Er starrte irritiert auf sein Zeugnis. – Sie nickte zustimmend. – Er seufzte schnaufend. Sie beschreiben etwas und misstrauen dem einfachen Satz. Also geben Sie dem Satz Viagra, Partizip-Viagra, Ausrufezeichen-Viagra, Relativsatz-Viagra, was auch immer. Dann wirkt er stärker. Denken Sie.

Er starrte auf sein Zeugnis. Punkt. Dass er irritiert ist, lassen Sie dem Leser bitte. Oder packen Sie es, Thema: Haupt- und Nebensatz, in einen eigenen Satz!!!!!!

Der Satz mit dem Viagra soll stärker sein?

Ist er nicht. Weil Sie nichts anderes tun, als den Ausdruck zu übersteigern. Sie übertouren. Und schwächeln damit. Beispiele gefällig? Gern.

Der Einsatz von welcher, welchem, welches im Relativsatz: Er nahm die Fährte wieder auf, welche ihm schon einmal Glück gebracht hatte. Klingt elegant, ist aber grottenfalsch, na ja, beinahe. Noch ein Beispiel: Der überzogene Einsatz von diese, dieser. Er ging in die Schule. Diese hatte ihm schon vor Jahren das Zeugnis verweigert. Warum diese? Warum nicht: sie oder die. Warum das Hochtourige, wenn es einfach geht?

Meine Vermutung: Weil Sie es übertreiben wollen, um etwas klar zu machen. Wie wäre es mit Einfachheit – und starken, klaren Worten!!!!?

Haben Sie diese !!!!!! gesehen? Die Zeichen am Ende des letzten Satzes? Dieses !!!!? ? Der Autor sagt damit, auch in wörtlicher Rede (»Wo kann denn nur dieser verdammte Regenschirm sein ???!!!«), dass er diesen Satz betonen will, weil er wichtig!!!! ist. Und die Fragezeichen, eigentlich auf ihre Hauptverwendung am Ende einer Frage reduziert, drücken aus, dass der Protagonist aber so etwas von ratlos ist, aber so was von …

»Nein, das machen wir nie!«, schreien Sie aus vollen vollem Hals. Nur aus vollem? Wie wäre es mit VOLLSTEN VOLLSTEM, um es auch dem letztem Leser klarzumachen!!!!

Sie glauben das alles nicht? Dann schauen Sie in meine Sammlung. Aus der stammt auch das Bildchen. Und wir schauen in den Text voller übersteigerter Ausdrücke.

Wussten Sie, dass es kein einfaches Schweigen gibt? Schweigen ist immer betreten. Erst wenn es betreten ist oder beredt, ist es ein echtes, total stilles, absolut geräuschloses Schweigen.

Wussten Sie, dass sich niemand einfach nur umschaut? Umschauen wird nur ausgeliefert mit suchend oder hilfesuchend oder verzweifelt oder voller Verzweiflung. Auch fein: Er scannte mit seinen Augen in die Dunkelheit. Nein, er sucht einfach nur.

Wussten Sie, dass man Lippen zu einem Strich zusammenpressen kann? Das ist dann der Ausdruck für eine betretene oder hilfesuchende oder schweigende oder verzweifelte Protagonistin. Aber das reicht nicht. Das reicht oft nicht. Der Strich des Lippenzwischenraums muss noch noch noch viel schmaler werden. Hey, Sie! Noch schmaler als zusammengepresst?

Wird’s blutig?

Und wussten Sie, dass Ihnen bei Verlagsprofis solche Konstruktionen so dermaßen um die Ohren fliegen, dass es vierzehn Tage Tinnitus umsonst gibt, Sie ein Hörgerät brauchen und Salbe für die Lauscherchen, dass Ihnen beim Auftragen derselben(!) Hören und Sehen vergehen, bis dieses(!) sich am fünfzehnten Tag beredt, aber verzweifelt von selbst wieder einstellt, welches(!) dann zur Beruhigung führt?

Fünftens. Der Anfang

Das Bildchen zeigt einen von mir probelektorierten Romananfang; ich hoffe, Sie können nichts erkennen. Aber wenn der Anfang so aussieht, haben Sie ein Problem und Sie suchen sich einen teureren Lektor. Kleiner Scherz. Zum eigentlichen Ansinnen, bitte!

In der Bibel, im Hohen Lied der Liebe, steht sinngemäß: Alles, was du an Besitz hast, ist nichts – wenn du die Liebe nicht hast. Auf Ihr Gewerbe übertragen: Sie beherzigen auf aufs Herzigste meine leitplankenählichen Mahnungen erstens bis viertens, schreiben also vorbildlichsterweise – aber wenn Sie den Anfang verpfeffern, die ersten … sagen wir mal zwanzig Seiten, ist alles nichts. Ihr Werk verschwindet in der Versenkung.

Warum das so ist? Wegen der Leseproben auf Amazon, eindeutig. Da können Sie meckern und zetern, Amazon ist nun mal für den Verkauf, für Ihren Erfolg das Maß fürs Portemonnaie. Der Leser greift sich porto- und eurofrei Ihre Leseprobe herunter, liest fünfzehn bis zwanzig Seiten im Bus oder beim Abendessen oder in der Wanne – und entscheidet dann, ob er zahlt oder nicht zahlt. Wenn Sie es bis zu diesem Zeitpunkt nicht geschafft haben, ihn bei Laune, bei Spannung, bei Träne, bei Erregung, bei Herzschmerz, bei Grusel, bei Grinse oder Lachen zu haben, dann vergessen Sie es!

Aber auf Seite 76 kommt doch das große …, rufen Sie rein, vor Röte krebsrot. Wann? 76? Zu spät! 42? Zu spät! Seite 3, Seite 10, Seite 15 … spätestens! Das ist so, da beißt die Maus keinen Faden ab, sondern sich ins Mäuseschwänzchen.

Für Sie heißt das, 01 Sie müssen auf dieser Kurzdistanz ein Geheimnis einbauen, besser: zwei. Vielleicht sogar drei. Wie sieht so ein Geheimnis aus? Leserköder. Der Leser muss wissen wollen, wie es weitergeht. Er muss rätseln. Das kann ein Satz sein, der irritiert. Ein Beispiel, ohne zu viel zu sagen: Mich hat mal in einem Krimi der Satz Sein Volvo stand noch immer an der Schweizer Grenze … so irritiert, dass ich nicht stoppte, bis ich wusste, was der Volvo dort zu suchen hatte. Ein Negativbeispiel: Wenn Sie in einem Liebesroman rätseln lassen wollen, ob sie ihn kriegt oder nicht, sage ich gäääääähn. Das ist nun mal ein Topos beim Lieben. Noch ein Negativbeispiel: Wenn Sie bei Fantasy eine Reihe von Elfchen tanzen lassen, ist das ebenfalls ein Topos. Doppelgäääähn. Das reicht nicht.

Für Sie heißt das, 02 Das Wetter interessiert niemanden. Die Stimmung der Protagonisten ebenso wenig, wenn Sie die über Seiten ausweiten. Nichts Nebensächliches, bitte, nichts abseits des Weges. Wie die Wohnung von Grete aussieht, frisch entlassen, traurig, aber süß, dass die morgens nicht ohne ihre Tasse Wird-schon-alles-gut-Tee auskommt – streichen! Wie die Welten zusammenhängen, in die Sie Ihre Saga ansiedeln – kommt später. Wo ist der Haken Ihrer Geschichte, wo das Geheimnis? Kommen Sie schnell auf einen, vielleicht zwei Konflikte. Deuten Sie sie an. Wie … was …? Sie haben keine Konflikte, kein Drama, keine Probleme in Ihrem Werk? Warum schreiben Sie dann? Aber ich muss doch erklären … Papperlapapp, das machen Sie später. Lassen Sie ruhig Dinge offen – aber den Konflikt, die Konflikte strahlen!

Für Sie heißt das, 03 Basteln Sie so lange an diesen Seiten herum, bis Sie das Gefühl haben, die Leserin ahne das gesamte Werk. Die ersten Seiten in Zeiten von Amazon müssen so etwas sein wie der Nukleus Ihres Werks. Neulich gelesen: Ein Altrocker fährt auf seiner Harley durch Hamburg. Gäääähn! Der Altrocker hat an seine Harley einen Seitenwagen geschraubt? Gibt es so was? Im Seitenwagen friert ein Mann im schwarzen Kostüm. Hoppplaaa! Ein frierender Rocker? Der Mann im Seitenwagen ist Knecht Ruprecht. Ahhhhhh! Der Harley-Lenker trägt ein Weihnachtsmann-Kostüm. Jajajajajajjajajjaaaa!!!!!!!!!! Wir haben Weihnachten – die beiden sind auf dem Weg ins Waisenhaus zur Bescherung. Nun wird’s ein Buch! In diesem Waisenhaus haben sich die beiden als Fünfjährige kennengelernt. Da drücke ich auf Seite 3 den Kaufen-Knopf bei Amazon.

Für Sie heißt das, 04 Überraschen Sie mich! Überraschen Sie Ihre Leser. Lassen Sie Rocker Engelchen spielen! Machen Sie die Leser Nägelkauen oder Lachen oder Heulen – ganz früh, bitte. Schaffen Sie es, dass der Gatte seine Holde anfaucht: Lass mich, ich lese … das ist gerade sooooooooooo …

Und zwar schnell! Das muss schnell kommen!

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